Sven-Felix Küchmeister

Besuch gestern

Im dunklen Auto - Sven Felix Küchmeisters obskure Kamera der Erleuchtung

 

Die Videos von Sven Felix Küchmeister sind Momente seines Lebens, die er oft in dem Haus filmt, in dem er mit seiner Mutter wohnt, oder wenn er mit ihr verreist. Zum Beispiel die Aufnahmen von der Reise mit seiner Mutter nach Marokko. Die wackelige Handkamera läuft schnell an einem Strand entlang, die Mutter eilt voran. Beide Personen keuchen vor Anstrengung. Ein Kamel kommt vorbei, und widerlegt den kurz aufgekommenen Verdacht, dass sich dies alles auf Sylt abspielt. Warum in diesem Tempo gelaufen wird, ist unklar. Die beiden Küchmeister wirken wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, vielleicht ist es einfach nur der Drang, rechtzeitig zum Hotelbuffet zu kommen. Der starke Wind lässt kaum klare Sprache durchdringen. Die Kameraführung ist hartnäckig wackelig und schwenkt immer mal kurz suchend über den Horizont. Dort erscheinen, durch die schwankende Bewegung garantiert nicht erkennbar, weiße Häuser. Die Szene wirkt rauschartig und entrückt. Befremdend und zugleich vertraut, zeigt sich die Unzugänglichkeit der Umgebung dem gehetzten Blick des touristischen Besuchers.

 

Es wirkt, als wäre der Filmer froh, immer wieder in das dunkle Hotelzimmer zurückzukehren. Der höhlenartige Ort ist mit dem elektrischen Wasserkocher von daheim ausgestattet, die aufgehäuften Einkäufe in Plastiktüten breiten sich aus und scheinen allmählich ein Nest zu formen. Mutter und Sohn sitzen darin herum, eine Stimme im Hintergrund sagt plötzlich „Meine Hausstauballergie“.

 

Es geht weiter atemlos nachts durch undeutliche Gassen, Küchmeister bemerkt „Guck mal, hier gibt es Rumkugeln“. Später sitzen beide wieder im Hotelzimmer und essen schweigend Oliven, der Sohn kommentiert in die Stille der raschelnden Plastiktüten, „Eine Pizza zuhause wäre teurer gewesen.“ Darauf entgegnet die Mutter: „Ja, und da wären dann nur drei Oliven drauf gewesen.“

 

Hier erinnert die Szenerie an ein anderes Video, in dem die beiden lange sinnierend eine Ente beobachten, die aus Plastikabfall ein Nest gebaut hat. Kommentierte Betrachtungen von Tieren kommen auch in anderen Videos vor: Die Küchmeisters weilen in Italien und entdecken an einer mehrspurigen Straße im Gebüsch einen Hasen. Alsdann aquarelliert die Mutter, die Kunstmalerin, ein vermeintliches Fischerdorf am Horizont, während der Hase aus dem Gebüsch schlüpft und sie umkreist. Diese Handlung wird ungeschnitten präsentiert. Es ist typisch, dass die Videos nicht bearbeitet sind, sie werden oft vom Urheber nicht einmal angeschaut, sondern unbewusst verlegt und verschwinden schließlich im Keller des Küchmeisterschen Hauses.

 

Dieser Keller speichert allerlei: Hinterlassenschaften des ausgezogenen Vaters, Lebensmittel, Videobänder, wie schon erwähnt, sowie die aus dem Container des zerstörten Dieter Roth Museums geretteten verschimmelnden Schokoladenskulpturen. All dies häuft sich absichtslos im Unterstübchen und verselbständigt sich wuchernd in die oberen Stockwerke. Auch der Keller ist schon zu einem Video verarbeitet worden. Gelegentlich gebiert er verschollen geglaubte, schimmlig riechende Videobänder, die Titel tragen wie: Volksdorf Devils Project, Praia de Marais, Im dunklen Auto, Lichtenstein, Dazwischen, Im hellen Auto, Besuch gestern.

 

Die Videos sind tatsächlich oft gerade erst gestern gedreht, sie sind lang und zeigen ein Spektrum penetranter bis spaßiger Betrachtungen — Strandspaziergänge, Autofahrten, Volksdorfer Kelleransichten und Tierbilder. Die Bilder sind schonungslos exhibitionistisch in der Selbstbeobachtung und gleichzeitig nuanciert voyeuristisch in der Beobachtung anderer. Der Betrachter kann sich in den Videos selbst als lustvoller Beobachter einer grotesken Szenerie wieder finden und wird gleichzeitig durch den schonungslosen Blick an die eigene verwackelte, schimmlige Existenz erinnert.

 

Gerne stellt Küchmeister zusammen mit seinen Videos Aquarelle von seiner Mutter und Selbstportraits aus, die den Fortschritt seines Haarausfalls dokumentieren.

(Wolfgang Oelze)

 

(Ausstellung vom Juni 2009)