Reinhold Engberding, Correspondentia #2

Für Reinhold Engberding 06.09.2002

 

Um was es hier, in dieser kleinen Ausstellung geht, ich glaube, das sieht man sofort. Es handelt sich um ein Urstromtal und einen Urwald, also um etwas sehr Ursprüngliches.

 

Vielleicht, wird man einwenden, ist ein Urstromtal nicht so sorgfältig gekämmt und ein Urwald, im Gegenteil nicht so zerzaust.

 

Aber wer weiß das wirklich schon so genau.

 

Auf der Einladungskarte, und das ist das dritte Bild, ist Platons Höhle zu sehen. Sie wissen, in Platons Höhle sitzt der Urmensch mit dem Rücken zum Ausgang und betrachtet auf der gegenüberliegenden Wand seltsame Schatten, die er für die Welt hält. Es sind die Schatten der Welt, die ihm da vom Eingang oder Ausgang der Höhle hinprojeziert werden. Modern gesagt ist das ein Mensch vor dem Fernseher.

 

Raffinierterweise sagt oder zeigt der Künstler nicht, um was es sich bei dem kreisrunden Bildchen handelt. Ist es das Gewölk, das der Urbewohner durch den Höhlenausgang sieht oder bloß sein Abbild auf der Höhlenleinwand.

 

Für Platon fängt da die Katastrophe an. Erst Bild, dann Abbild, in logisch natürlicher Reihenfolge, also raus aus der Höhle, sonst hält man Tatort oder Monet für die wahre wirkliche Welt.

 

Was Platon nicht weiß oder nicht wissen will, dass die Schatten da an der Wand sehr wohl Erscheinungen sein können, dass sie der Einbildungskraft jenes Menschen, der davor sitzt, entspringen können. Ich würde einmal sagen, es handelt sich also nicht um irgendeine Höhle, sondern die Urhöhle der bildenden Kunst.

 

Insofern ist es klar, um was es Reinhold Engberdings Kunst geht. Es geht um Einbildungskraft und um Ursprünge oder doch alles, was mit der einfachen Vorsilbe Ur zusammenhängt. Wenn man im Brockhaus nachschlägt, findet man erstaunliche Urbegriffe, vom Urflosser zur Urgestalt zum Urheber zur Ursache bis zu Urworten. Alles ist seltsam und erstaunlich und bringt einen zum Ursprung zurück.

 

Genaueres darüber kann man nicht sagen, es wird viel gerätselt. Der Künstler wünscht, dass es da warm und still sei, oder vielmehr sein zweites Künstler-Ich. Er hat mit Recht, das Redende, abgespalten vom Schweigenden. Es befindet sich, das Redende, wie ein Außenmensch vor der Höhle, in dem der Innenmensch verborgen ist und sich nicht bewegt.

 

Die Korrespondenz zwischen den beiden geht, und das ist einleuchtend, über die kleine Höhlenöffnung. Das ist das Guckloch oder die Membran, auf den Körper und seine Sinne übertragen. Der Körper schweigt. Er sagt nichts darüber, was er an Bildern oder Schatten von der Außenwelt ins Innere projiziert bekommt. Die Sinne teilen ihm das zwar dauernd mit, doch er kann nicht antworten, denn es fehlt ihm dafür die Sprache. Dafür braucht er den zweiten Künstler, wenn ihm Platon nicht genügt. Und ich werde es gleich sagen, Platon hat nicht den richtigen Code. Man kann das damit entschuldigen, dass er kein Künstler, sondern ein Philosoph war. Er hatte nur eine beschränkte Einbildungskraft.

 

Für den Künstler fängt da erst alles an. Da wird der Urwald rosa und das Urstromtal grünt. Es ist das natürlichste auf der Welt, wenn man bedenkt, was ein Ursprung ist. Nämlich da, und das ist das Einfachste auf der Welt, wo man selbst ist. Bedenken Sie dabei bitte, dass jeder von Ihnen sich auf Luzy zurückführen lässt. Das ist ein ziemlich langer Weg, der am Ende, wenn er aus dem Dunkel endlich ans Licht kommt, plötzlich farbig wird. Um das Leuchten herum bleibt allerdings viel Dunkles. Das Versteck oder Geheimnis, die stille unendliche Zeit, die einen wie ein Schatten begleitet. Man könnte auch sagen, die Unterkunft, eine kleine Behausung für die Sinne, die sieben oder acht. Denn es gibt ein paar sinne mehr, als öffentlich zugegeben werden kann, weil das Unannehmlichkeiten bereiten könnte wegen der einmal festgelegten Zahl. Es wäre grenzüberschreitend, und so was braucht immer noch den Nachweis von Legitimität, und wer kann schon sicher nachweisen, woher er acht Sinne hat, also mehr als erlaubt.

 

Der Künstler schweigt. Aber das Sprach-Ich gibt sich damit nicht zufrieden. Es fordert sehr eindringlich, dass diese stummen Sinne geweckt werden und zwar mit allen Mitteln, wenn nicht mit Gewalt. Es ist ganz klar, dass das Wecken von Sinnen nicht bloß sanft geschehen kann, sie sind zu verborgen, sie hausen in ziemlichen Tiefen auch, sie fürchten sich vor dem Tageslicht. Also muss ein gewisser Druck ausgeübt werden, damit dieser schweigende Innenkünstler mit all seinen Sinnen dann da ist. Damit er geheilt werden kann.

 

Dann ist es ein verletzliches Wesen, wer mit so vielen Sinnen ausgestattet ist. Ein Künstler zumal. Er braucht die Höhle, und jetzt könnte ich nachweisen, dass es die Höhle in schönen geheimnisvollen Varianten in der Arbeit des Künstlers gibt. Aber Sie sehen jetzt nichts davon, und darum sage ich nur, dass sie aus den verschiedensten Stoffen gemacht und irritierend für die sind, die ihre Sinne glaubten verloren zu haben, und nun erfahren sie, dass sie reicher sind als sie angenommen hatten.

 

Und wenn es dann insgesamt nur fünf sind. Das macht nichts. Es sollten aber irgendwie Sinne sein, die noch eine kleine Verbindung zum Ur haben, die winzige Nabelschnur wenigstens. Sie wird behütet werden, gebettet in einen Urwald oder ein Urstromtal und das ist nicht wenig.

 

Die Stimme berichtet auch über Gefahren, die drohen und die soweit gar nicht entfernt sind, sondern manchmal und meistens ganz nah. Aber dann sagt die Stimme,

 

and now you

my truely friend – you

want to be a miracle

a warm-inside and slippery

redundant goddess-teddy

 

Das ist Tröstung.

Nichts ist verloren. Der Blick aus der Höhle beweist, dass der Himmel sehr hoch und weit und auch zur Hälfte schon dunkel bewölkt ist, ob nun Abbild oder Realität, das spielt keine Rolle, wenn er nur dann da ist.“

 

Ursula Meyer-Rogge, freie Autorin, Hamburg

zur Eröffnung der Ausstellung Correspondentia # 2 von Reinhold Engberding / HOLGER B. NIDDEN-GRIEN, im „trottoir“, Hamburg, 06. September 2002