Ich – bin eine Armee
Philipp Schewe schwärzt eine Wand mit kleinen Plastikrahmen. Alle hochkant gehängten formieren zusammen ein Kreuz, die quer hängenden füllen die Wand drum herum zu einem rechteckigen Block.
Sein Material ist nicht formalistisch, sondern psychologisch, mehr noch (oder weniger) psycho. Fotos von Gräbern, von Leichenwagen, Plastikblüten, schönen Mädchen, französischen Ortsschildern, Devotionalien.
Devotionalien sind das religiöse Gegenstück zum Souvenir. Devotionalien sind Gegenstände der Hingabe und der Ehrfurcht. Philipp Schewe umstellt sich mit Devotionalien, deren religiöse Wirksamkeit eindeutig katholisch ist. Sie sind aber in ein neues Magnetfeld geraten. Sie weisen nicht länger nur in christologisch durchgestylte Weltzusammenhänge, sondern auf Philipp Schewe selbst.
Philipp Schewe hat Mut zur pathetischen Blamage. Er bewegt sich in Codes der Glamourindustrie, mit der Attitüde der Härte. Es ist die Pose des Rockers, der mit Schaum vor dem Mund, den flying horses auf der Tapete seines Kinderzimmers zum Tanz aufspielt.
Philipp Schewe ist der Nabel seines Systems, der Sonnenkönig im Rockerland. Narzissmus ist kein Thema, sondern eine Manie. Die Substitute, die statt seiner selbst gelten gelassen werden, sind Wahrzeichen grandioser Verblendung. Autos, Doppelgänger, die Atlantikküste, Neuschwanstein, Jesus und andere Fürsten.
Der Fetischismus ist unverblümt. Es geht nicht ums Sterben, sondern darum, mit den Vehikeln der Toten in den Urlaub zu fahren. Es geht um die Verteidigung des Egos in der Landschaft, die es nichtet, denn die Côte d’Azur ist ja noch viel schöner als Philipp Schewe. Diese Ausstellung zeigt ein System von Libidobesetzungen.
Als guter Katholik weiß Schewe, dass das nicht erlaubt ist, die Zeiten in denen die Mystiker die Wollust des Fleisches auf Jesus als ihr zärtlichstes Gespiel umleiteten, sind seit 800 Jahren vorbei (außerdem machten das vor allem Frauen). Deshalb haben alle Exponate eine schuldbewusste Morbidität. Besonders in den Videos sichtbar, taucht im Rücken des Narziss, der in sein eigenes Spiegelbild verliebt ist, eine weitere Person auf, dem Narziss Schewe zum Verwechseln ähnlich. Diese dritte, vierte, fünfte oder x-te Gestalt repetiert die Bewegungen nicht wie ein Spiegelbild, sondern schlimmer, weil entlarvender, sinngemäß, was den Narziss beschämen muss. Die Apokalypse des Egos ist nah.
So wie sich TV-Entertainer die Brille zurechtsetzen, diagonal übers Gesicht greifend, kann man auch Musik machen, und sich in langsamen Sätzen das Haar von links rechts hinters Ohr wegstreichen. Schewe spielt in seiner Ausstellung, den Lichtstrahl des Beamers im Gesicht, Apokalypsenmusik, die alles schlimmer macht, weil sinngemäßer. Es sind Doppeltbelichtungen – sich selbst verdoppelt und verdreifacht, wie zur Selbstkasteiung ins eigene Gesicht gestrahlt – kein Wunder, dass Schewe dann anfängt zu schreien.
Dies irae, dies illa
Solvet saeclum in favilla.
Teste David cum Sibylla.
Quantus tremor est futurus,
Quando judex est venturus,
Cuncta stricte discussurus.
Tag der Rache, Tag der Sünden,
Wird das Weltall sich entzünden,
Wie Sibyll und David künden.
Welch ein Graus wird sein und Zagen,
Wenn der Richter kommt, mit Fragen
Streng zu prüfen alle Klagen!
So der Text aller Requien, aber besonders passend für Schewe, das von Verdi. In dessen Fanfaren ein 160-köpfiger Doppelchor, hysterisch die Köpfe in den Nacken geworfen, der Apokalypse entgegenschreit. Wir haben hier Expressionismus, und wie immer in nihilistisch eingefetteten Zeiten ist das sehr peinlich, und es sträuben sich einem alle Haare. Es besteht eine große Furcht vor ungebrochener Emphase, weshalb man fremdelt und fröstelt, wenn man in einer solchen Expressionsschau steht (heimlich aber Romantikurlaub bucht und jeden Abend die Schwundform der Emphase als ungefährliches, weil uneigentliches Fernseh-Flimmern inhaliert, und eben auch Verdis Requiem hört).
Philipp Schewe verarbeitet das bei jedem Menschen nach innen liegende heimliche Futter aus verschwurbelten Sehnsüchten und verquasten Leidenschaften zu einer popkulturähnlichen Schauseite. Es ist nur ähnlich, weil es anders als Pop nicht stressfrei konsumierbar ist, sondern eben, dem psychotischen Verfahren sei Dank, Stress erzeugt. Die Haare stehen einem zu Berge bei dieser Art von Hingabe, die nicht das kokett versöhnliche Augenzwinkern der abertausend ordinären Gesten auf MTV haben, sondern auf den Betrachter nicht zuachten scheinen – es ist narzisstische Selbstvergessenheit in den Videos Schewes, die einen Schaudern macht.
(Nora Sdun)