Kommoden
(Vortrag von Dr. Dieter Wenk)
I Wortkunde
Kommode, im Deutschen „Kastenmöbel mit Schubfächern“, so steht es in Gerhard Wahrigs „Deutschem Wörterbuch“. Als Beispiel führt der Gelehrte die Wäschekommode auf. Bei dem norwegischen Erzähler Knut Hamsun, der sich in Kommoden ziemlich gut auskannte, findet man etwa auch die Schreibtischkommode:
„Henriksen steht auf und öffnet seine Schreibtischkommode, er kommt mit einem Geldschein zurück, einem großen roten Schein und reicht ihn dem Doktor hin…“ (aus: Die Weiber am Brunnen)
Im Französischen, als Adjektiv, commode, nach dem Lateinischen commodus: bequem, mühelos, wohnlich; im Zusammenhang mit Menschen: umgänglich, gefällig; aber auch: (zu) nachsichtig, also: Waschlappen. Wir merken uns „Waschlappen“ und tun ihn in ein Schubfach der Kommode, eventuell eine Wäschekommode.
Es geht weiter im Französischen, commode als Substantiv, die Kommode; als Substantivierung der Befindlichkeit „bequem“ haben wir commmodité, Bequemlichkeit, Wohnlichkeit; Umgänglichkeit; im Plural: Annehmlichkeiten, Komfort; veraltet für: Abort.
Neben die Kommode stellen wir die englische commode, also eine weitere Kommode, und einen Nachtstuhl, ebenfalls commode, auf dem wir es uns bequem machen.
Aber nicht lange, denn eigentlich sitzt man nicht auf einem Nachtstuhl, sondern benutzt ihn wie das Schubfach einer Kommode. Auf den Nachtstuhl legen wir einen zweiten Waschlappen.
Das führt uns zum Zweistufenmodell, für das die Kommode symbolisch stehen kann, zum Beispiel – im Fall einer Flurkommode – als Anzeige eines Bereichs des Nochnichtganzdrinnen oder Nochnichtganzdraußen. Dazu später mehr.
Der doppelte Waschlappen zeigt wie das doppelte Handtuch, dass es, zumindest in manchen Haushalten, zwei tunlichst voneinander abzugrenzende Körperzonen gibt, unterschiedliche Pflegebereiche, die man in Oben und Unten abgrenzen kann. Es gibt einen Waschlappen und ein Handtuch für unten, wie es solche für oben gibt.
II Ortsbegehung
Die Kommode als ortsgebundenes Objekt ist damit ein im doppelten Sinn ordnungsstiftendes Prinzip: Als Mobiliar im Eingangsbereich zum Beispiel eines Hauses zeigt sie die Passage an, die den eintretenden Fremden, wie bekannt er auch sein mag, von draußen nach drinnen führt. Man legt ab, wäscht sich vielleicht in der neben der Kommode befindlichen Gästetoilette die Hände, betrachtet eventuell ein auf der Kommode stehendes Schmuckstück –
In einer entscheidenden Stelle bei Hamsun lesen wir etwa:
„Er nahm die Zieraten von der Kommode und trug sie dem Jungen hin…
Hatte nicht der verrückte Mann die Zieraten auf der Kommode verkaufen wollen, den weißen Engel und das Sparschweinchen vom Ausland?“ (aus: Die Weiber am Brunnen)
– die Kommode selbst aber ist tabu, man geht an ihr vorbei. Für den Besuch wiederholt sich im Eingangsbereich als Passage noch einmal die Trennung von öffentlich und privat, die sich ja schon in der Trennung von Haus und Straße zeigt, wenn auch dieser Mechanismus des „Wiedereintritts“ der Trennung in das von ihr Getrennte für gewöhnlich nicht bewusst wahrgenommen wird. Auf der einen Seite haben wir also den Durchgang von draußen nach drinnen – eine Art Initiation, die durchaus auch etwas Ungemütliches trotz Kommode haben kann wie etwa das Aufkommen von Zug durch noch geöffnete Türen, zu schwaches oder im Gegenteil zu grelles Licht oder auch einfach zu große Nähe zum Gastgeber aufgrund einer zu gering bemessenen Bewegungsfläche des Vestibüls, in dem die Kommode zusätzlich Platz benimmt, was oft dazu führt, dass die dadurch entstehende Peinlichkeit durch übergroßen Lärm qua Selbstschutzkumpanei überspielt und das Vestibül mit Kommode zum im Grunde lautesten Ort des Hauses wird; auf der anderen Seite, und das zeigt die Passage auch schon an, gibt es das Prinzip des Geheimnisses, das sich in der Kommode manifestiert. Niemand soll den Waschlappen sehen, der sich in diesem Haus befindet. Oder den Schatz?
Auch an dieser Stelle geben wir gerne ab an den Experten der Kommode, Knut Hamsun, diesmal befinden wir uns aber nicht im Armenhaus mit dem Sparschweinchen, sondern im Herrenhaus mit einer durchaus ambivalenten Kommoden-Erscheinung, die ein bisschen über den Luxus des Nicht-Gebrauchens von Gegenständen hinwegtäuscht:
„Nun diese kleine Kommode, die aussah wie ein ärmliches Ding, obgleich sie auf vergoldeten Löwenfüßen stand. – Diese tiefen Schubladen hatten die beiden [Frau Rasch, Pauline] noch nie ordentlich durchgesehen – her mit den Schüsseln! Jawohl, wieder in Watte gepacktes Silber, aber von alter, seltsamer Form, durchbrochene Sachen, Tafelgeschirr. Pauline hob Schachtel um Schachtel, Paket um Paket heraus, ganz unten stand ein Kasten. Nimm den auch heraus, Pauline! Gib den ganzen Kasten, Pauline!
Der Kasten war sehr schwer, und als er geöffnet war, enthüllte er zwei Dutzend silberne Teller. (…) Nun, stehen wir in einem Herrenhaus oder stehen wir nicht in einem Herrenhaus? Ach, du lieber Gott! (…)
Pauline, vergiss nur nicht, alles wieder hübsch abzuwischen und in seine Watte zu wickeln, dann lege es wieder in die Schubladen und lasse es schlafen. Schlafen, schlafen, hier liegt ein Reichtum und schläft!“ (aus: Die Stadt Segelfoss)
Natürlich ist die Kommode kein Versteck, das vor Dieben schützt. Es rechnet jedoch damit, dass der normale Gast es respektiert. Die Kommode ist somit ein Symbol des Vertrauens. An ihr zeigt sich die Größe und Wohlerzogenheit des Gastes, sie einfach passieren zu können, auch wenn gerade ihre Konsultation den Gastgeber vermutlich in einem anderen Licht zeigen würde. Die Kommode ist damit nicht nur ein Symbol – wenn sie nur das wäre, würde sie definitiv zu viel Platz wegnehmen –, sondern auch ein ganz realer Ort der privaten Idiosynkrasie, was als Ausdruck schon ein Pleonasmus ist wie der bekannte weiße Schimmel: In der Kommode verschwindet schnell mal etwas. Dann vergisst man, dass man es da rein steckte. Andere Hausmitglieder verhalten sich vielleicht genauso idiosynkratisch. Die Kommode ist somit auch ein sonderbarer Müllplatz, Sondermüll irgendwie, und da man das auch weiß, als Haus- oder Wohnungsbesitzer oder als einfach nur Kommoden besitzender Wohnungsmieter, will man das mit der Zeit gar nicht mehr so recht wissen, was sich in der Kommode, in den verschiedenen Schubfächern, die sowieso in mehr oder weniger vertraute, mehr oder weniger benutzte zerfallen, im Laufe der die Kommode anfüllenden Zeit so alles angesammelt hat.
Die Kommode ist damit nicht nur Symbol des Durchgangs, Ort der Trennung, sondern auch noch, beinah paradox, auf jeden Fall asymmetrisch, ein Objekt, in das mehr hineingesteckt wird, als dass man etwas herausholt. Die Kommode ist ein Stauraum, den man ihr von außen ja überhaupt nicht ansieht in ihrer braven und biederen Schubladigkeit. Links, rechts, oben, unten, Mitte, das sind Beschreibungen, die man wunderbar von außen, vor der Kommode stehend, auf sie applizieren kann – sieht man einmal von der Rokoko-Kommode mit ihren lediglich zwei Schubfächern und ihren diese auch noch souverän überspielenden Ornamenten ab. Die Organik ist damit noch überhaupt nicht erfasst, das ganze Magenhafte, das sich in ihr verbirgt. Die Diskretion, die man aus gutem Grund dem Gast abverlangt, geht mit der Zeit, die dem Gast fremd bleibt, auf den Gastgeber über. Man traut sich mit der Zeit nicht mehr an die eigenen Sachen heran. Sie sind einem fremd geworden. Sie riechen vielleicht ein bisschen zu stark. Man will es jedenfalls nicht mehr wissen. Irgendwann kommt der Tag, die Stunde, an der die Kommode keinen Kredit mehr hat. Sie hat alles abgegeben, weswegen man sie einst überhaupt angeschafft hat, in erster Linie, ein Objekt zu sein, das Bequemlichkeit schafft und, trotz seines halb-öffentlichen Charakters, den Gebrauch auf einen oder bestimmte Nutzer beschränkt. Plötzlich also steht die Kommode nur mehr herum. Es bildet sich Staub, den man immer seltener und immer widerwilliger abstreift. Die auf der Kommode stehenden Pflanzen werden nicht erneuert, die Oberfläche der Kommode wird selbst zu einer Halde, deren Raum nur zu schnell an seine Grenzen stößt. Das Vestibül, der Eingangsbereich wird zu einem Raum, den man so schnell wie möglich passiert. Dann muss nur noch die Birne dieses Bereichs durchbrennen, und das Haus hat von nun an 5 qm weniger. Man hat sich selbst um den osmotischen Bereich gebracht. Von nun an gibt es keine Atmung mehr, keinen Schonraum, der eine Ankunft in ein Bleiben austauscht, die Tür bleibt zu, zumindest für den Gast, der dafür nichts kann, und alles nur, weil im Eingangsbereich eine Kommode steht, in der ein blöder Waschlappen liegt.
III Spekulation (à la baisse)
Neulich Berliner Sparkasse Kastanienallee, Ecke Eberswalder Straße. Die Bank-Punks merken, dass es Herbst geworden ist. Sie stehen und sitzen nicht mehr vor dem Gebäude, auf dem Trottoir, wo sie die Passanten um etwas Kleingeld bitten. In, allerdings abgesteckter Zahl, haben sie das Bankgebäude betreten und sich, in einem banktechnischen Niemandsland, quasi zwischen Tür und Angel, hier zwischen erster und zweiter Eingangstür, niedergelassen, wo sie genau das tun, was sie auch draußen getan haben. Als Kunde geht man durch diesen etwa 6 qm großen Raum, in dem sich nichts befindet, außer eben jetzt den Bank-Punks, deren Bitte man hört, bevor und nachdem man seinen finanziellen Machenschaften nachgekommen ist. Als Temperaturpufferzone zwischen außen und innen ist dieser Ort vielleicht nicht schlecht gewählt – draußen ist es schließlich noch kälter –, aber die Bank-Punks haben vergessen, dass man mit Kommoden, deren Funktion sie für sich selber, gewissermaßen wider besseres Wissen, gewählt haben, nicht kommuniziert. Denn entweder hat der Kunde kein Geld, eben deshalb muss er ja zur Bank, um es sich dort zu holen, oder er hat nicht das nötige Kleingeld, um das er von den Punks gebeten wird, wenn er wieder rausgeht, denn mit Peanuts gibt die Bank sich nicht ab. Die Bank-Punks als Kommode gehen also in Vergessenheit über. Anders gesagt, sie sind nur noch vorhanden, im Heideggerschen Sinn, reines Objekt ohne Zuhandenheit, ohne Funktion und Pflege. Die Kommode verwaist.
Ein paar Tage später ist die Kommode nicht mehr da. An ihrer Stelle steht jetzt ein Apparat, den man als Gast der Bank benutzen darf, es ist ein Drucker für Kontoauszüge. Für eine Weile bedeutet dieses Gerät noch etwas mehr, nämlich dass die Bank selbst darüber zu entscheiden gewillt ist, welche Kommoditäten in diesem Nullraum statthaben. In diesem Sinne könnte das Gerät auch kaputt sein, null-funktional, und doch ist damit ganz klar gemacht, wer – ich will mal sagen: die Kommode rockt.
Wer als Begleiter eines Gastes dieses Gebäudes der Berliner Sparkasse in die heiligen Hallen des Kundengesprächs gebeten wird, kann eine schöne Entdeckung machen. Während der Gast gewisse Dinge regelt, wird der Begleiter des Gasts gebeten, in einer Art Pausenecke mit einfachen Sesseln und einem Tisch mit Institutsillu und Puzzlespiel Platz zu nehmen. Der Begleiter des Gasts sitzt vor einer schräg nach oben führenden Treppe, unter der, in einem völlig unauffälligen Ikea-Chic, eine schwarze Kommode steht. Sie ist in der Tat so unauffällig, dass man sie erst bemerkt, als sie benutzt wird. Der eine oder andere Bankangestellte kommt vorbei, wünscht dem Begleiter des Gasts der Bank einen schönen Tag und geht dann, nachdem der oder die Angestellte sich vom Begleiter weggewendet hat, entweder hart in die Knie oder bückt sich ob der oben drohenden Treppenstufen, um die Kommode öffnen zu können, in der sich weißes Geschirr befindet, Kaffeetassen und Keramikteller für die Pause zwischendurch. Das ist also irgendwie die Küche der Bank, geht es dem Begleiter durch den Kopf, man könnte quasi selber dieses schwarze Objekt berühren, es öffnen, und doch liegen dicke symbolische Mauern vor diesem ganz alltäglichen Möbel, das man vielleicht selbst auch irgendwo rumstehen hat. Auf jeden Fall hat man eine Entdeckung gemacht: Man sah eine black box, und sie war ganz transparent.
Dieter Wenk 2005 ©