Hannes Eddelbüttel

Drei Exponate sind zu sehen. Eine Glasvitrine am Boden, eine an der Wand und ein Triptychon korrespondierend gegenüber.

Die Vitrine am Boden befindet sich genau über einem großen runden Loch im Fußboden, durch dass ein Kind hindurch fallen könnte. Das Loch im Fußboden zeugt von der Geschichte des Raums -– ein Imbiss bevor es ein Ausstellungsraum wurde. Durch dieses Loch wurden bis etwa 2003 die Dämpfe der Friteuse durch den Keller hindurch auf die Straße geleitet. Der Schlauch war schwarz und innen ausgeschmiert mit ranzigem, gelblich fleischfarbigem Fett. In der Glasvitrine von Hannes Eddelbüttel über dem ehemaligen Fettloch, liegt ein latexfarbener Schlauch, gefaltet in lockeren Bahnen. Steigt man in den Keller hinab sieht man, dass der Schlauch sauber an dem Loch der Kellerdecke abschließt. Es sieht aus wie ein Nabel. Der Latexschlauch birgt den Fettschlauch, auf links gezogen und abgelegt unter Glas, sein Volumen ist Potential, in der Vitrine kann der Schlauch sich unmöglich vollständig auffalten. Der ganze Keller befindet sich als Potential in der Vitrine.

 

Die große Vitrine an der Wand ist eine Variation der kleinen Vitrine am Boden und Karikatur der ersichtlichen Potentialität. Ein weißer Resopalschrank dessen Proportionen in freier Wildbahn, also ohne Vitrine, die Flügeltüren bald schief herunter hängen lassen würde, ist millimetergenau in den Glaskasten eingefügt, so dass sich nichts mehr rühren kann, man kann ihn nicht öffnen, nicht einmal in Gedanken einen Spaltbreit, denn es ist keinerlei Platz dafür in der Kiste. Es handelt sich hier also um unterbundene Potenz, denn die Welt dieses Objekts ist nicht so eingerichtet, dass der für Schränke typischen Akt des Geöffnetwerdens möglich wäre, strenggenommen hat der Schrank damit kein Potential, zeigt aber eben wie leicht Potential zu unterbinden ist.

 

Gegenüber hängen drei Seifenschachtelgroße Kästen mit mechanisierten Faltern. Eine Feder hält die Flügel in ausgebreiteter, wagerechter Stellung, ein Draht führt durch ein winziges Loch aus den Kästchen hinaus und man kann vorsichtig daran zupfen, um die Flügel der Falter zu bewegen. Ganz im Gegensatz zu den Flügeln des Schranks ist das bei den Faltern sehr gut möglich.

Es ist eine Kreuzigungsszene. Die drei kleinen Objekte eröffnen für alle Objekte der Ausstellung eine katholische Betrachtungsweise: Reliquiare, geschmückte Verpackungen für Gegenstände denen ein Potential zugemessen ist, dessen Wirkungsweise innerhalb der schützenden und das Objekt erst als Heiligtum kennzeichnende Verpackung aber theologischen Spekulationen obliegt, es verhält sich mit Reliquien wie mit dem Resopalschrank in der Ausstellung, es besteht keinerlei Zuhandenheit, es lässt sich damit kein Akt unternehmen, funktionieren tun sie aber trotzdem. Denn man ist als Gläubiger sehr zufrieden, ein Objekt zu sehen oder auch nur von ihm zu wissen, dem man sein zerzaustes und wankelmütiges religiöses Bewusstsein überschreiben kann, eben auf ein Objekt des sanktionierten religiösen Rituals. Wie nötig die Verpackung der Reliquie ist liegt auf der Hand, ohne den passenden Rahmen kann man sie nicht erkennen. Im Prunk der Verpackung west aber auch das tiefe Misstrauen gegenüber der anerkannten Aura des Objekts im Futteral.

(Nora Sdun, Mai 2009)