Alexander Hoepfner, Ist Gleich

„Ist gleich“, ein Zeichen wie ein Barren. Wie ein Brillenglas, eine Doppelmembran, ein Hirnflur = ist gleich Umschlagplatz. Wo man selbst ist, bleibt völlig gleichgültig. Bei diesem Modell geht die Welt durch einen hindurch, ohne dass man etwas daran drehen könnte. Felgaufschwung, Ab- und Durchschwung von Realität.

 

Die Zeichnungen „Scheißegal, wo ich bin“ hängen in dem Raum, der zwischen den Wänden entstanden ist. Dem mit einer großen Zeichnung verhängten Fenster und der Wand. Diese (ca. Din-A-4-großen) Zeichnungen im Zwischenraum sind einfach zu verstehen: Es ist Fremdheit der Welt gegenüber sowie ein Kommentar dazu.

 

Auf den Außenwänden dieses Zwischenraums wandfüllende Bleistiftzeichnungen. Von der Straße auf die mit der Zeichnung verhängte Fensterscheibe schaut man wie in ein Schaufenster. Aus den Raum heraus blickt man wie von hinten durch ein und dasselbe gezeichnete Schaufenster (allerdings ist auf einem anderen Blatt Papier gezeichnet), auf die Straße hinaus. Die Darstellung der Realität ist hierbei nur angedeutet. Penibel ausgearbeitet mitten im Bild und wichtig thronen da aber drei Hutschenreuther-Zwiebelmuster-Suppentassen.

 

Zwei Bilder, ein Motiv, aus entgegengesetzten Richtungen. Eine mit Zeichnungen durchsichtig gemachte Wand und die Durchquerung eines „Ich“ dazwischen, befindlich in dem schon erwähntem Korridor zwischen den barrenartigen „Ist gleich“-Wänden, jenes "ich", was "Scheißegal" findet, wo es ist, und was man auch nicht sieht, wenn man außen auf die Motive mit dem Hutschenreuther blickt. Die Welt, durchgelassen durch einen Zwischenraum. Ohne dass Innen, Zwischen oder Außen etwas miteinander (zu tun) haben.

 

Es besteht bei dieser Ausstellung die Gefahr, dass Schrift, Gespräch und Gedankenspiel die Bildinformationen überwuchern. Sei’s drum. Also wenn sowieso keiner merkt, wie die Welt durch einen durch geht, kann man sich selbst gleich weglassen. Wenigstens mal versuchen, nicht immer einen Fleck im Bild zu machen. Das klappt nicht. Aber die Ausstellung, die man sehen kann, wenn Alexander Hoepfner versucht, sich selbst rauszuhalten aus seiner eigenen Produktion, provoziert doch ein ratloses Gesuche nach Vollständigkeit bei den Betrachtern. Wo bleibt das "Gefühl"? Die "Moral"? Die Geschichte wird einem vorenthalten, wenn der Künstler sich nicht bekennt, weil er sich selbst in einem Zwischenraum aufhält.

 

Zu den Prunktassen auf den großen Zeichnungen: Zwiebelmuster Hutschenreuter = Sonntagsporzellan, Erbmasse. Wenn das Begehren nicht als Souvenir behandelt wird, und man möglichst vermeidet, Begehren illustrierend bekennend in Bildern abzulegen. Wenn man versucht, Bedeutungen abzuziehen. Wenn man versucht, den Fleck, den man im Bild macht, extra im Zwischenraum zu behandeln und auf den Außenwänden nur das, was abgebildet werden will, kann man dabei festzustellen, dass man als Erbe der Tassen bereits in den Tassen steckt und wie es drückt und voller Flecken ist das Erbe und das Werk.

 

Bei dem Versuch, die Transformationen von Bindungen loszuwerden, die in Gestalt der Dinge, mal als Tasse, als Mutter oder als Holzvögelchen, erscheinen, muss man wieder mal feststellen, dass überhaupt keine Annäherung an Dinge als bloße Dinge möglich ist. Man kann mit Dingen ohne Anbindungen nicht arbeiten. Es ist ein aussichtsloser Kampf gegen den eigenen Konstruktionswillen, der Teilhabe an der Gesellschaft über Objekte verspricht. Bei vermeintlichem Zugriff transformieren Dinge nur weiter. Wie ein Muttermal, was Metastasen bildet oder blaß wird oder eine Narbe zurücklässt. Mutters Porzellan. Man kann solche Male nur präsentieren. Auf der Hoepfner-Zeichnung sind die Suppentassen auf Aluminiumschraubverschlüssen von Saftflaschen dekorationshalber angekippt.

 

Dies Gemenge wird in der Ausstellung zur Disposition gestellt. Wenn’s klappt mit der Hirnschraube, bewegt sich das Denken in Fluchten von Zeichen, in denen ein Sinn kursiert, der nicht fixiert werden kann. Die liebliche null Erkenntnis. „Überzeugung“ steht auf dem Bild. Entschiedenheit (Überzeugung) ist dramatisch, ist toll theatralisch und wird ständig gefordert, ist aber strategisch, absichtlich nicht durchführbar. Man tappt im Dunkeln. Kontrollverlust. Soll’s denn wehtun, wenn man in die schwarze Kiste auf dem Bild greift? Diese Box ist auch ein Versprechen. Seit ein paar Jahrzehnten verspricht Kunst „wirkliches“ Erfahren durch Bewusstmachung (der Erfahrung), dass dabei aus dem so genannten „feeling“ ein Konsumartikel wird, ist nicht zu ändern.

 

Man sieht in der Ausstellung außerdem noch eine Tasse von Alexander Hoepfner, ein Dekorations-Vögelchen, von hauswirtschftenden Händen Identität stiftend (frei wie ein Vogel) aufgestellt, und Hackauflauf von Maggi. Maggi ist hier die metaphorische Öffentlichkeit, die veröffentlichte Nährmutter. Maggi ist die geregelte systematische Abwicklung von Speisung. Außen oder was von außen zugeführt wird, Nahrung oder Politik. Öffentlich oder vererbt - ist hier keine Dialektik. Es handelt sich bei all diesen Dingen um besetzte Gegenstände die Surrogate einer Überzeugung sind. (Persönlich oder öffentlich oder künstlerisch – besetzte Gegenstände ...) Mit therapeutischer Emphase besetzte Objekte.

 

Mythologien der gesellschaftlichen Anteilnahme transformieren zu Mythen der Freiheit. Auch Künstler brauchen Luft zum Atmen und besetzen Gegenstände eben künstlerisch. Ist gleich = man kann sich auf den Kopf stellen, man macht einen Fleck im Bild = Gottseidank, andernfalls verlöre man sich im Zwischenraum.

 

Nora Sdun